Taverne der Witwe

«Von der „Taverne der Witwe“ zum Volkskundemuseum:
Das symbolträchtige neoklassizistische Gebäude, das die Geschichte von Ägina erzählt»

Im Herzen der Stadt Aegina, in der Spyrou-Rodi-Straße 16, erhebt sich eines der charakteristischsten neoklassizistischen Gebäude der Insel.

Es handelt sich um ein zweistöckiges Herrenhaus aus dem Jahr 1828 mit einer besonderen architektonischen Gestalt, die die Ästhetik der ersten nachrevolutionären Periode des griechischen Staates widerspiegelt.

Das Erdgeschoss bewahrt die traditionellen Steinelemente jener Zeit, während das Obergeschoss durch die symmetrische Anordnung der Fenster mit ihren hölzernen Fensterläden und den imposanten zentralen Marmorbalkon besticht – Elemente, die zusammen eines der bemerkenswertesten Beispiele der städtischen Architektur von Ägina im 19. Jahrhundert bilden.

Taverne der Witwe

Das Gebäude gehörte Polymnia Ireoti, der Tochter des angesehenen Philologen, Archäologen, Volkskundlers und langjährigen Leiters der Schulbehörde von Ägina, Panagis Ireotis.

In Anerkennung der Bedeutung der Erhaltung des historischen und kulturellen Erbes der Region vermachte Polymnia Ireoti das Anwesen der Gemeinde Ägina, damit es zum Wohle der örtlichen Gemeinschaft genutzt werden kann.

Bevor das Erdgeschoss des Gebäudes seinen heutigen kulturellen Charakter erhielt, beherbergte es viele Jahrzehnte lang eine der traditionsreichsten und beliebtesten Tavernen von Ägina. Die berühmte „Taverna tis Chiras“, die der Familie von Yannis und Koula Lazarou gehörte.

Die Geschichte des Lokals beginnt mit Yannis Lazarou, der ein traditionelles Weinlokal gründete, das schnell zu einem Treffpunkt für die lokale Gemeinschaft wurde.

An seinen Holztischen wurden Wein aus den Fässern, frischer Fisch und authentische Meze aus Aegina serviert, während sich dort täglich Fischer, Arbeiter, Händler und Besucher der Insel versammelten.

Taverne der Witwe

Der vorzeitige Tod von Yannis Lazarou stellte seine Frau Koula vor eine schwierige Situation.

Als Mutter von vier Töchtern beschloss sie, den Betrieb der Taverne alleine fortzuführen und sowohl die Geschäftsführung als auch die Küche zu übernehmen. Angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit war diese Entscheidung besonders gewagt.

Mit Beharrlichkeit, Fleiß und Engagement gelang es ihm nicht nur, das Familienunternehmen am Leben zu erhalten, sondern es auch zu einem der renommiertesten Restaurants auf Ägina zu machen.

Ihre authentische Gastfreundschaft, die Qualität der hausgemachten Speisen und ihre dynamische Persönlichkeit veranlassten die Stammgäste, das Lokal „Die Taverne der Witwe“ zu nennen – ein Name, der sich schließlich durchgesetzt hat und in die Geschichte der Insel eingegangen ist.

In den 1960er- und 1970er-Jahren, als Ägina für bedeutende Persönlichkeiten aus Kultur und Kunst ein Ort der Inspiration und des Schaffens war, entwickelte sich die Taverne von Kyra Koula zu einem beliebten Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle.

An ihren Tischen saßen bedeutende Persönlichkeiten wie Nikos Kazantzakis, Yannis Moralis, Nikos Nikolaou und Odysseas Elytis, die die Schlichtheit des Ortes, die ungekünstelte Gastfreundschaft und die authentischen Aromen der aiginischen Küche schätzten.

Taverne der Witwe

Die „Taverna der Witwe“ war nicht nur ein Restaurant. Sie war ein Treffpunkt für verschiedene gesellschaftliche Gruppen, ein Ort des Gedankenaustauschs, der Diskussionen und der zwischenmenschlichen Beziehungen, der das gesellschaftliche Leben auf dem Nachkriegs-Ägina auf einzigartige Weise widerspiegelte.

Mitte der 1970er Jahre, als Kyra Koula in den Ruhestand ging, fand die Geschichte der traditionsreichen Taverne ihr Ende.

In den 1980er Jahren erhielt das Gebäude eine neue Nutzung: Es beherbergte mehrere Jahre lang die Reinigung „Perla“ der Familie Maltezou, bevor es seine heutige Gestalt annahm.

Dank der Spende von Polymnia Ireoti an die Gemeinde Ägina wurde das historische Gebäude als Sitz des Volkskundemuseums von Ägina genutzt.

Taverne der Witwe

In seinen Räumlichkeiten sind heute traditionelle Trachten, Möbel, Werkzeuge, Haushaltsgegenstände und Zeugnisse des Alltagslebens der Inselbewohner ausgestellt, die einen lebendigen Kern für die Bewahrung des lokalen Gedächtnisses bilden.

Die Verbindung der Familie Lazarou zum kulturellen Leben auf Ägina endete nicht mit der Schließung der historischen Taverne.

Angela Lazarou, eine der vier Töchter von Yannis und Koula Lazarou, widmete einen Großteil ihres Lebens der Bewahrung des volkskundlichen Erbes ihrer Heimat, indem sie viele Jahre lang als Direktorin des Volkskundemuseums von Ägina tätig war.

Durch ihr langjähriges Engagement hat sie entscheidend dazu beigetragen, wichtige Exponate und Traditionen der Insel zu sammeln, zu dokumentieren und bekannt zu machen.

Das Gebäude in der Spyrou-Rodi-Straße 16 ist heute mehr als nur ein schönes neoklassizistisches Bauwerk.

Es ist ein lebendiges Denkmal der Geschichte von Ägina, in dem Architektur, gesellschaftliches Leben, kulinarische Tradition und Kultur unter einem Dach vereint sind.

Von der traditionellen Weinküche von Yannis und Kyra-Koula Lazarou bis hin zu seiner heutigen Nutzung als Volkskundemuseum erzählt das Gebäude weiterhin fast zwei Jahrhunderte Geschichte und ist damit ein wertvoller Ort der Erinnerung für die Einwohner von Ägina sowie ein Anziehungspunkt für jeden Besucher, der die authentische Identität der Insel kennenlernen möchte.

Text: Dionysis Papadimitriou

Copyright für Text und Foto bei Dionysis Papadimitriou
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Übersetzung: Athen Magazin


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