Die 1970er Jahre auf Ägina hatten ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Duft. Es war der Duft der Meeresbrise, der Sonne und der absoluten Freiheit, die man nur in der Jugend spürt.
Für diejenigen unter uns, die dort aufgewachsen sind oder dort ihre Sommer verbracht haben, war der Hafen nicht nur ein Ort, an dem man an Bord ging, sondern der Mittelpunkt unserer Welt.
Und in einem bestimmten Sommer jenes Jahrzehnts erhielt die Kulisse unserer Erinnerungen einen unerwarteten, gigantischen Protagonisten.
Ein altes Frachtschiff mit dem eindrucksvollen Namen „Midnight Sun“.
Alles begann, als das in die Jahre gekommene Schiff im Außenhafen von Ägina anlegte, direkt gegenüber der damaligen Bushaltestelle.
Dort, am Ende des Kais, fast schon an der Grenze zur Landzunge, befand sich unser fester Treffpunkt. Die „Blokias“ waren der übliche Treffpunkt für Gruppen von Kindern und Jugendlichen. Mit Neckereien, Gelächter und dem ständigen Drang, sich zu profilieren, ging es an diesem Tag darum, wer den spektakulärsten Sprung ins strahlend blaue Wasser hinlegen würde.
Die „Midnight Sun“ stand dort, still und imposant, und beobachtete unsere Spiele. Im Laufe der Tage begann unsere kindliche Neugierde zu sprudeln.
Als wir es uns genauer ansahen, wurde uns klar, dass das Schiff wie ein Spukschiff wirkte. Es gab weder Anzeichen für Personal der Tagesschicht noch eine große Treppe, die es mit dem Kai verband. Der einzige sichtbare Zugang war eine kleine, offene Tür am Heck mit einer eingebauten Treppe, die uns geradezu herauszufordern schien.
Für die Mutigsten und Entschlossensten in der Gruppe war diese Herausforderung einfach nicht zu ignorieren. Die Barriere der Angst war schnell durchbrochen. Ein bisschen Mut, ein bisschen jugendliche Unbekümmertheit – und schon kletterten die ersten Piraten die kleine Leiter am Heck hinauf und betraten das Deck.
Das war’s. Die „Midnight Sun“ verwandelte sich augenblicklich in die aufregendste, improvisierte Sprungplattform, die wir uns je hätten vorstellen können. Das Erlebnis war einzigartig. Der Sprung ins Leere aus der Höhe eines echten Schiffes sorgte für einen unglaublichen Adrenalinkick. Das Schiff gehörte nun ganz uns.
Die Natur hatte jedoch ihre eigenen Pläne. Eines Tages schlug das Wetter plötzlich um, und ein unerwarteter, heftiger Sturm peitschte wütend über die Insel. Das Meer tobte, und die Winde stellten die Belastbarkeit des verlassenen Frachters auf die Probe. Seine Anker hielten dem Druck nicht stand und rissen sich los.
Das Schiff begann gefährlich zu schwanken, als es seitlich auf das Dock zusteuerte und gegen die Felsen prallte. Durch die heftigen Stöße entstand ein Riss, und Wasser begann, das Innere des Schiffes zu überfluten. Die Schräglage, in die es geriet, entwickelte sich schnell und dramatisch. Innerhalb kurzer Zeit gab die „Midnight Sun“ nach, sank zur Hälfte ab und lag schließlich mit der linken Seite auf dem sandigen Meeresgrund.
Das Bild des halb versunkenen Schiffswracks, wie es auch auf dem Foto aus jener Zeit zu sehen ist, wurde für mehrere Tage zum Wahrzeichen des Hafens. Das Schiff blieb dort liegen, wie ein verwundetes Tier, bis die Spezialteams eintrafen, um es zu bergen und endgültig abzuschleppen.
Die „Midnight Sun“ ist aus dem Hafen von Ägina verschwunden, aber sie hat nie einen Platz in unseren Herzen verloren.
Für uns, die Jugendlichen jenes Sommers, war es nicht nur ein Schiffswrack, sondern der Schauplatz unseres eigenen Erwachsenwerdens, ein Symbol für eine Zeit, in der das Abenteuer nur einen Sprung entfernt war.
Text: Dionysis Papadimitriou
Copyright für Text und Foto bei Dionysis Papadimitriou
Übersetzung: Athen Magazin


